qrios

IT ist kurios!

Schirrmacher verlässt der Mut

1 Kommentar

Wenn Frank Schirrmacher in der FAS mit einer Rundumbeleidigung auf den Plan tritt, kommt die Reaktion der Betroffenen prompt. Schirrmachers Vorwurf an die Netzbegeisterten lautet im Kern, sie würden Neoliberalismus als Heilslehre propagieren. Das “heilige Versprechen” sei, dass das Netz (und/oder die darunter liegende Technik) jedem die Erfüllung des amerikanischen Traums verspräche.

Im Zusammenhang mit dem Zeitungssterben könnte man den Titel “Das heilige Versprechen” fälschlich als ein solches an die Leserschaft und die Gesellschaft insgesamt verstehen. In etwa so: “Wir Journalisten versprechen den Lesern heilig, ihr Recht auf freie, unabhängige Information und Meinung zu garantieren.” Ein solches Versprechen wäre mal was. Eine Art Pressecodex vielleicht. Denn hört man sich um, stellt man fest, dass sehr viele Menschen (und nicht nur im Netz) die Redaktionen und deren Verlage für bloße Büttel der ‘Mächtigen’ halten. Es ist inzwischen eine offensichtlich weit verbreitete Meinung, dass kritische Berichterstattung systematisch unterdrückt wird. Das Zeitungssterben wird von solchen Verschwörungstheoretikern mit einer gewissen Hähme zur Kenntnis genommen.

Schirrmacher bezieht das “heilige Versprechen” jedoch auf diejenigen, die die neue Technik als Chance sehen. Sie würden allen eine Welt versprechen in der jeder vom Konsumenten zum Produzenten werden könne, wenn er sich nur selbstaufopfernd genug reinkniet. Und dieses Versprechen habe sich bisher als hohl und sogar giftig herausgestellt. Lediglich einige wenige im Silicon Valley wären erfolgreich, damit aber auch gleichzeitig zu bösen, kulturvernichtenden Monopolisten geworden. Die Frage nach Graustufen, Alternativen oder Forderungen, die sich aus dieser Feststellung zwangsläufig ergäben, beantwortet der Autor nicht.

Dabei wäre es mal sehr interessant die Heilsversprechen der Netzapologheten in einen größeren historischen Kontext zu stellen.

Das Internet ist zunächst mal yet another Technik. Es besteht kein qualitativer Unterschied zu anderen Techniken. Telefon, Buchdruck und Eisenbahn wurden alle in einer Welt entwickelt, in der es die gleiche Funktion schon zuvor gab. Jede neue Technik führt eine frühere Funktion immer effektiver aus. Ansonsten würde sie sich nicht etablieren. Dieser Marktmechanismus funktionierte sogar schon im frühen Agypten. Von Neoliberal kann dabei also nicht die Rede sein.

Da (erfolgreiche) neue Techniken immer effektiver sind, bescheren sie ihren Nutzern einen größeren Freiheitsgrad. “Ich kann mit dieser Technik in der gleichen Zeit mehr [von etwas] machen und somit die gleiche Menge [von etwas] in kürzerer Zeit machen.” Daher liegt jeder neuen Technik ein Heilsversprechen inne.

Die Vergrößerung der Freiheitsgrade durch neue Techniken lässt sich noch differenzieren. Eigentlich geht es nämlich immer um zwei Parameter, die auf die eine oder andere Art verändert werden.

1. Der Winkel, die Auflösung

Die Erfindung des Teleskops und kurz darauf, des Mikroskops hat unserem Sichtfeld eine höhere Auflösung durch kleinere Winkel gebracht. Durch simple Optik, die bereits zweitausend Jahre früher möglich gewesen wäre, wurden die Freiheitsgrade der Erkenntnis erheblich erweitert. Nicht nur für unser Weltverständnis sondern auch für die Art, wie man Krieg führt. Eine Ausdehnung des Wahrnehmungswinkels über den Bereich des sichtbaren Lichts hinaus, hat einige Jahrhunderte später wiederum zu mehr Erkenntnis in Wissenschaft und Krieg geführt. Und jede dieser neuen Techniken war immer auch verknüpft mit Heilsversprechen. Es empfiehlt sich, nach “Mesmerismus” zu googeln.

In diesen Bereich der technischen Neuerungen fallen aber selbst solche Erfindungen, die das Leben “nur” schöner machen. Die Erfindung/Entdeckung des Glasschmelzens oder der Porzellanherstellung ermöglichte keine neue bisher, nicht dagewesene Funktion, sondern hat nur bestehende vielfältiger werden lassen.

2. Geschwindigkeit

Alle Techniken, die nicht in einer beliebigen Form Winkel oder Auflösung erweitern sind direkt oder indirekt mit Geschwindigkeit verknüpft. Das gilt natürlich sehr offensichtlich für den Transport von Gütern oder Daten. Aber auch für die Produktion von Gütern und Daten. Dampfmaschine, Buchdruck und Rechenmaschine führten immer dazu, dass irgendwas schneller ging als vorher.

Interessant ist die Verknüpfung beider Paramter. Die höhere Geschwindigkeit hat in Zusammenarbeit mit einer Diversifikation der Transportmittel selbst, zu einer vollkommen veränderten Produktions- und Handelsform von/mit Gütern geführt. Während gerade große Containerschiffe durch den Suezkanal riesige Mengen von immer dem Gleichen nach Europa schiffen, fliegen gleichzeitig hunderte Berater in die andere Richtung um die Produktion in China zu optimieren und neue Produkte zu ordern.

Wenn alle technische Entwicklung die Freiheitsgrade erhöht, dann kommt dieser Effekt in jedem Fall allen zu gute. Wenn nicht direkt, so doch immer – früher oder später – indirekt. Ganz ohne jedes Heilsversprechen ist es also die Folge von jeder technischen Entwicklung, dass die Menschen insgesamt nachher mehr Freiheit haben.

Diese Freiheit weiss nicht jeder zu nutzen. Denn mit mehr Freiheit geht auch mehr Verantwortung einher. So hat der beschleunigte Handel von Waren des täglichen Bedarfs zum Sterben der Tante-Emma-Läden geführt. Als Konsument im Supermarkt bin ich heute selbst für die Wahl meiner Nahrungsmittel verantwortlich, denn der Vollsortimenter verspricht den Kunden, ihn in seiner Wahl nicht einzuschränken. Diese Freiheit führt aber offensichtlich auch dazu, dass sich immer mehr Menschen schlechter ernähren als sie es eigentlich könnten oder sollten.

In Schirrmachers Artikel kann man daher auch einen Subtext hineininterpretieren: “Freiheit überfordert die Menschen, gebt ihnen nicht zuviel davon!”

–––

Übrigens schreiben auch andere viel Antwort auf den Artikel, was @kay_siegert zu einem treffenden Tweet veranlasste: “So eine schöne Debatte wie @fr_schirrmacher mit seinem Artikel losgetreten hat, ist halt im Print nicht machbar.”

Patrick Breitenbach fragt den Autor unter dem Titel “Neoliberalismus im Journalismus? Wer hat’s erfunden?” nach Alternativen. Christian Jakubetz sieht Schirrmacher auf einer Mondfahrt und zählt vier Punkte auf, warum die Medienlandschaft heute anders aussieht als früher. Thomas Knüwer verweist auf seinen drei Jahre alten Artikel über die Frage, “Wie Verlage im Internet Geld verdienen?” in der er die Antwort auch gleich gibt: “So wie bisher.“. Dabei belässt er es dann aber doch nicht. In seinem nachgereichten Post “Das heilige Gebrechen von Frank Schirrmacher” filetiert er den Autoren und dessen Elaborat. Knüwer hält offensichtlich die Qualität der journalistischen Tätigkeit für einen wichtigen Schlüssel für den Fortbestand der Branche.

Und schliesslich möchte man fast annehmen, dass Schirrmachers Gemoser zu einem singulären Moment der (Internet-)Geschichte werden könnte. Denn liest man den Post von Marcel Weiss bei neunetz reibt man sich die Augen, wie viel Reflektion der FAZ-Herausgeber frei zu setzen vermochte. Der Titel “Die Dauer von Strukturwandel und die Ungeduld des Frank Schirrmacher” hätte es verdient, in der nächsten Lettre veröffentlicht zu werden.

Mh120480 sieht in dem Artikel seine Theorie bestätigt, “dass es den Kampf der Netzwerke (Führungseliten, Unternehmen, Politik) gegen die Crowd geben wird“. Und natürlich darf der Verweis auf “Der Sturm” nicht fehlen, den Gunnar Sohn süffisant in seinem Artikel liefert: “Über Schirrmacher: In der Vergangenheit hat er so viele Theorien in die Welt gesetzt“.

In den Blogs kommen allerdings allerdings keine Lobpreisungen, die findet man dann um so häufiger bei twitter:  “Gäbe es doch mehr Artikel dieser Klasse.“, “FANTASTISCHER Artikel“, “Pflichtlektüre“, “Das Beste, was seit langem über Journalismus und Technik geschrieben wurde” …


Written by qrios

November 26th, 2012 at 2:24 pm

Posted in netzpolitik

One Response to 'Schirrmacher verlässt der Mut'

Subscribe to comments with RSS or TrackBack to 'Schirrmacher verlässt der Mut'.

  1. tl;dr? Im Ernst, nimmst Du nicht einen vollkommen belanglosen Artikel eines Internetausdruckers als Anlass für eine viel zu wichtige Frage?

    Ich fand z.b. viel interessanter, dass er sich als alleiniger Kritiker hinstellt. Dabei habe ich den Eindruck, dass die Chancen inzwischen viel kleiner geredet werden als die Risiken. Und die Posts hier sind ja auch im Mittel eher mahnend als jubilierend.

    Thomas Lange

    26 Nov 12 at 4:47 pm

Leave a Reply