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IT ist kurios!

Ilse Aigners Radiergummi fällt bei den Postprivatiers durch

4 Kommentare

Leider bisher nur im Selbstbau …

Ilse Aigner hat es nicht leicht mit den Netzvordenkern. Immer wenn sie sich digitalen Themen widmet wird sie mit Hohn und Spott überschüttet. Wenn sie jetzt einen digitalen Radiergummi vorstellt, machen sich natürlich alle lustig. Unabhängig davon, dass solche Reaktionen immer sehr stark nach Beißreflex schmecken, haben sie im besten Falle einen ideologischen Überbau: Postprivacy. Sehr verkürzt dargestellt, wird argumentiert ein Schutz der Privatsphäre sei in der digitalen Welt nicht mehr möglich, da die Daten immer einen Weg finden werden, sich zu vermehren. Wir müssten mit diesem Kontrollverlust leben.

Tatsächlich widerspricht die Möglichkeit, beliebige Daten ohne Auswirkung auf die enthaltene Information zu kopieren, aber vielen Prinzipien aus der realen Welt. Rohstoffe sind nur begrenzt verfügbar, Evolution basiert auf Mutation und jedes bekannte Lebewesen hat ein Verfallsdatum. Bis zur Entwicklung von Computern gab es keine Methode, Informationen ohne Veränderung zu kopieren. Und selbst das – verlustbehaftete – Kopieren und Lagern von Informationen war mit signifikanten Kosten verbunden, die für jedes Datum pro Kopiervorgang und permantent pro Lagerstädte zu bezahlen waren.

Vor der Erfindung der Schrift war es sogar so, dass sich Information immer bei jedem Kopiervorgang selbst veränderte. Bei der mündlichen Weitergabe von Geschichte verändert sich auch beim Sender die Information. Einer der Gründe, Geschichten in Reimen zu verpacken war neben der leichteren Erinnerbarkeit auch die dadurch zugleich eingebaute Prüfsumme.

Das vorgestellte Verfahren, Daten mit einem Verfallsdatum zu versehen ist nur ein kläglicher Versuch ein Problem zu umgehen, das früher oder später durch generellere Techniken gelöst werden muss und wird. Denn das Problem ist viel tiefliegender als die Frage, ob meine Fotos irgendwann irgendwo aufpoppen und sich als Bumerang für mich erweisen. Es ist weitaus gefährlicher als die Frage ob facebook oder das Bürgeramt meine Daten an Dritte verkauft, die diese an Vierte verkaufen u.s.w. Denn diese Daten haben in sich schon ein Verfallsdatum. Nach wenigen Jahren sind sie nichts mehr wert. Sie sind so wertlos, dass sie von Datenhändlern nicht mehr angeboten werden. Mit jedem vergangenen Jahr nimmt das Rauschen zu, jeder peek verschwindet irgendwann unter der Glockenkurve.

Das wirkliche Problem ist die Rechtssicherheit. Wenn in Zukunft mehr und mehr analoge Prozesse durch digitale Prozesse ersetzt werden, aber kein Gericht ein digitales Zeugnis zulassen kann, weil es einfach zu fälschen ist, haben wir keine funktionierende Gerichtsbarkeit mehr. Wenn jeder Computer, jeder Dienst und jede Route korrumpiert werden kann, wird es keinen Beweis mehr geben. Sowohl Verhältnisse in der Wirtschaft als auch im gesellschaftlichen Leben sind dann nicht mehr vertrauenswürdig.

Insbesondere die Wirtschaft wird daher – auch ohne politisches Betreiben – Verfahren entwickeln, die Vertrauensverhältnisse weiterhin garantieren können. Und diese Verfahren werden früher oder später zum Standard erhoben. Sie werden das ganze Spektrum der Möglichkeiten umfassen: Copy-Bits (maximal 0- bis n-mal kopierbar), signiert, getunnelt, verschlüsselt, mit Verfallsdatum versehen und Lese- und Schreibvorgänge protokolliert.

Wir erleben heute nur die banale Unfähigkeit der User im Umgang mit Werkzeugen die wir nicht kennen und deren Wirkungen wir nicht kontrollieren können. Insofern erleben wir tatsächlich einen Kontrollverlust. Vergleichbar mit der Begeisterung für Radioaktivität vor einem Jahrhundert. Diese Kraft sollte alle Krankheiten heilen können und die Menschheit insgesamt auf eine neue Stufe heben.

Die User werden den Umgang mit ihren Daten lernen. Sie haben es bereits zur Gründerzeit des CCC gelernt als die Rattenfängerin Tanja von Gravenreuth unterwegs war. Und sie tun es heute einfach dadurch, dass Akte xyz oder Frau von Guttenberg ihnen exemplarisch zeigt, was ihnen alles passieren kann, wenn sie nicht vorsichtig sind. Und es wird bei Bedarf rechtlichen (siehe Abofallen) und gesetzlichen (siehe Informationsfreiheitsgesetz) Beistand geben. Dass eine Ministerin – zumal aus Bayern – nicht immer die besten Mittel findet und vor allem keine zeitgemäße Sprache (Radiergummi?!) wählt, mag vielleicht an ihrer Wählerschaft liegen. Wer konnte auch ahnen, dass sich das Verbraucherschutzministerium mit mehr als Ampeln auf Verpackungen beschäftigen muss?

Der CCC hat es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, Politikern die Technik mit deren Worten zu erklären und der Wirtschaft, dass sie nicht mit unsicherem Schrott Geld verdienen wird und beiden, dass sie die User nicht für dumm verkaufen dürfen. Denn viele User wissen mehr über die Themen als Politik und Wirtschaft zusammen. Die Empfindlichkeit gegenüber “Postprivacyspacken” (Constanze Kurz) kann man vor diesem Hintergrund verstehen, auch wenn der “rotzige Ton” (de Maiziere) des CCC oft auch andere “irritiert” (Gerhart Baum).

Die Verkündung eines neuen Zeitalters durch Postprivatiers ist unabhängig davon aber immer wieder eine Anregung und – dank metaebene – inzwischen auch eine Ohrenweide und gegesenseitiges Ranten steigert den Unterhaltungswert


Written by qrios

January 6th, 2011 at 1:26 pm

Posted in netzpolitik

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4 Responses to 'Ilse Aigners Radiergummi fällt bei den Postprivatiers durch'

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  1. stimme im allgemeinen zu, aber im besonderen hat mspr0 bezüglich der thor-kunden-daten recht. reine doppelmoral.

    privatier

    6 Jan 11 at 2:46 pm

  2. Ich finde es immer wieder erfrischend, dass sich der gesamte Vorstand des CCC diesen ruppigen Ton erhalten hat. Alle anderen z.B. die Grünen reden nur noch politisch korrekt. Als hätte man nur die Wahl zwischen Maggi und Knorr, beides schmeckt Scheisse.

    Zum Radiergummi: was nach meiner Meinung wirklich fehlt ist ein Tool (und die entsprechenden Schnittstellen) mit denen man seine externen Daten mit einer ACL versehen kann. Aber das hiesse in letzter Konsequenz, dass es nur noch Trusted Computer gibt. Was wir ja eingetlich alle nicht wollen.

    ff

    6 Jan 11 at 3:59 pm

  3. @privatier: Wenn man sich das Video vom Jahresrückblick ansieht klingt es keinem von den vieren als ob sie die Veröffentlichung der Kundendaten gutheissen würden. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass die Daten bzw. der Link auf das .torrent im Wiki erschienen in dem jeder editieren darf. Bigotterie sieht nach meiner Meinung anders aus.

    qrios

    6 Jan 11 at 4:01 pm

  4. […] Auch die Debatte um die aktuelle Gesetzeslage, die im Prinzip jeden Datenverkehr als per se verboten und nur im Ausnahmefall erlaubt betrachtet, bedient die gleiche Argumentation. Der Austausch von Daten sollte laut Prof. Jochen Schneider zuerst einmal immer erlaubt sein. Das bestehende Gesetz ist demgegenüber erstaunlicherweise nahezu deckungsgleich mit einem der wichtigsten Grundsätze des CCC: der Datenvermeidung. Da der vollkommene Verzicht jedoch tatsächlich unsinnig ist, da dann ein wesentlicher Teil der digitalen Wirtschaft eingestellt werden müsste, kommt nach meiner Meinung nur ein Copy-Bit in Frage. […]

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