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IT ist kurios!

Datenschutz ja, aber bitte nur ohne Schutz der Daten

9 Kommentare

Der Datenschutz und besonders die deutschen Datenschützer sind einer kleinen aber wortgewaltigen Gruppe von Firmen und Selbständigen offensichtlich ein Dorn im Auge. Sie werden nicht müde, zu betonen, dass die Verantwortlichen den Bezug zur Realität verloren haben. Vollkommen weltfremde Forderungen würden gestellt. Es wird das Menetekel einer Online-Wüste Deutschland an die Wand gemalt.

Mit einem vollkommen absurden Rant hat sich Nico Lumma grade hervorgetan. Er zitiert dazu eine größere Passage des jüngsten Beschlusses der Datenschützer in der im Kern folgende Punkte stehen:

  1. Der Betreiber einer WebSite ist für den Schutz der Daten seiner User verantwortlich.
  2. Die Sozialen Netzwerke geben keine oder nur ungenügende Auskunft, welche Daten durch ihr PlugIn erhoben werden und was mit diesen Daten geschieht.
  3. Der Betreiber einer WebSite muss seine Nutzer über diesen Umstand informieren und gegebenenfalls davor schützen.

Keiner dieser Punkte ist jedoch in irgendeiner Form anzuweifeln. Es ist geltendes Recht in Deutschland. Und wenn man sich die aktuellen Entwürfe aus Brüssel ansieht wird es auch demnächst geltendes Recht in Europa.

Dennoch versuchen Leute wie Lumma die Site-Betreiber gegen die Datenschützer aufzubringen:

völlig absurd, diesen Kampf der Datenschützer gegen Windmühlen auf dem Rücken der Website-Betreiber austragen zu wollen

Mit einer rethorischen Aufzählung, was in Zukunft alles nicht mehr ginge wird suggeriert, dass Deutschland grade von den Datenschützern in die Pre-Online-Zeit zurückgebombt wird. Auf Genauigkeit wird in dieser Aufzählung nicht viel Wert gelegt. Denn auch ohne Social Plug-In wird Lumma natürlich weiterhin Links über twitter, facebook und Google+ bekommen. (Die weitaus meisten Links werden direkt über die URL-Eingabe geshared und nicht über die Plug-Ins.) Und natürlich erhält Google nicht erst Kenntnis von einer Seite wenn die Link geshared wird. (Oder sind alle robots.txt urplötzlich mit einem “Disallow: /” versehen?)

Aber Genauigkeit ist nur hinderlich, wenn man eigentlich eine andere Agenda verfolgt. Diese wird deutlich, wenn man weiss, dass Nico Lumma grade Vorstand von D64 geworden ist. Diese Agenda wird noch deutlicher, wenn man ansieht, wer dort noch Vorstand oder Gründungsmitglied ist:

  • Christian Pfeiffer macht z.B. bei nugg.ad Retargeting, deren Gründer
  • Stephan Noller (genau, der) ebenfalls D64-Mitglied ist,
  • Martina Pickhardt arbeitet als Beraterin unter anderem für CRM und Personalisierung,
  • Stefan Keuchel ist der Pressesprecher von Google Deutschland,
  • Tina Kulow ist die Pressesprecherin von facebook Deutschland (und offensichtlich plötzlich nicht mehr dabei)
  • Steffen Meyer arbeitet als Assistent bei der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft.

Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt*, dürfte die Agenda von D64 klar sein: Rückdrängen der diskussionsbestimmenden Datenschutzverantwortlichen, dem CCC oder anderen wie dem FoeBuD oder dem AK Vorrat. Schaffung einer weniger restriktiven Umgebung für Datensammler, -verarbeiter und -verkäufer.

Lumma zeigt wie das in Zukunft ablaufen wird: Man nutze die Unwissenheit der Mehrheit der Nutzer und postuliere dann, dass die und die Forderung der Datenschützer ihnen wesentliche Teile des Netzes nehmen würde. Und das ist exakt das was die Datensammler und -händler schon seit Jahren tun: sie nutzen die Unwissenheit der meisten Nutzer für ihre Geschäfte.

(* Dass ausgerechnet ein Zitat von Marx den Weg zu den wirklichen Absichten dieser Vereinsgründung führt entbehrt nicht einer gewissen Komik, oder besser Tragik. Denn D64 ist eine Ausgründung der SPD beziehungsweise derer netzpolitischen Sparte. Die SPD wurde also von einer Gruppe geowned, die ihre eigene Agenda betreibt.)

(Auf wirres.net gibt noch weitere Fragen und Anmerkungen zu D64.)

Update: Ein langes Statement zum Thema Datenschutz und Privatsphäre gibt es auch von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach. Auch hier findet man wieder das gleiche Muster, wie bei allen Kritikern der Datenschützer von rechtswegen. Der Autor erkennt an, “dass Menschen weitgehend selbst entscheiden können sollten, was sie öffentlich, zugänglich oder privat halten (wollen).” An dieser Stelle sind wir einer Meinung. Wenngleich ich das “weitgehend” und “können sollten” zu sehr abgeschwächt finde.

Zwei Absätze weiter berichtet er dann folgendes: “Eine der wichtigsten und gefragtesten Fortbildungen der Berufseinsteigerinnen in unserer Agentur ist der Kurs über Privatsphäreeinstellungen auf Facebook.” Häh? Wenn schon die Privacy-Einstellungen von facebook schulungsbedürftig sind, was ist denn dann mit den versteckten Funktionen die vom ULD kritisiert werden? Sind diese Trackingwerkzeuge für eine umfassende Erfassung des Mindsets der fb-Nutzer die grade nicht auf fb und selbst auch der Nutzer, die noch nie bei fb angemeldet waren, sind diese Werkzeuge gemeint, wenn der Autor von weitgehend spricht? Sind das Kolateralschäden?

Ich selbst habe an einer Hochschule mehrmals Seminare zu dem Thema “Wie werden Daten erhoben und welchen Wert haben diese Daten?” gehalten. Von den Studenten hatten maximal 10% eine vage Vorstellung, wie Daten gesammelt werden. Aber wie soll den jemand in Unkenntnis der Verfahren und Vorgänge selbst entscheiden können, welche Daten über ihn in Umlauf sind?


Written by qrios

December 9th, 2011 at 9:21 pm

Posted in netzpolitik,web

9 Responses to 'Datenschutz ja, aber bitte nur ohne Schutz der Daten'

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  1. wenn du mal meinen rant genauer liest, dann schlage ich vor, daß man die thematik auf die browser verlagern sollte und nicht auf die websites, damit man dadurch die nutzer besser in die lage versetzen kann, ihren präferierten datenschutz-level zur anwendung zu bringen. des weiteren wirst du in den kommentaren sehen, daß mir stephan noller widerspricht. insofern ist es zwar plakativ von dir, hier eine d64 positionierung zu vermuten, aber das war ehrlich gesagt ein privater rant von mir, um eine diskussion anzuschieben. ach, und das ist mir wenigstens ein bisschen gelungen. 🙂

    Nico

    9 Dec 11 at 9:27 pm

  2. Es ist auch sehr merkwürdig, dass jetzt plötzlich (nach dem Erfolg der Piraten) lauter Vereine aus dem Boden schiessen die für sich in Anspruch nehmen, die digitale Gesellschaft zu vertreten.

    Wenn man sich mal ansieht, was nugg.ad eigentlich macht, dann unterscheiden die sich wirklich nicht von ganz normalen Spammern. [Beleidigung entfernt. Ich erwarte eine sachliche Diskussion! qrios]

    ff

    9 Dec 11 at 10:05 pm

  3. zur gründung des vereins d64 habe ich hier http://lumma.de/2011/12/03/jetzt-neu-d64-zentrum-fur-digitalen-fortschritt/ etwas geschrieben. die gründung hat einfach sehr lange gedauert, zwischenzeitlich hat sich die digitale gesellschaft e.V. gegründet und die piraten waren in berlin erfolgreich.

    deine auffassung zu nugg.ad teile ich ausdrücklich nicht, targeting hat gerade nichts mit spam zu tun. aber es lässt sich natürlich leichter argumentieren, wenn man einfach irgendwas postuliert und dann draufhaut.

    Nico

    9 Dec 11 at 10:25 pm

  4. @Nico: Targeting und Retargeting selbst halte ich für vollkommen normale und gängige Marketingmethoden und schon Jahrhunderte alt. Sie basieren in der momentanen Online-Praxis jedoch zu einem großen Teil auf der Unwissenheit der User über die zugrundeliegende Technik. Wenn man diesen Usern dann zeigt, was im Hintergrund passiert sind sie mehrheitlich schockiert und fragen sofort, ob die das dürfen und wie man als Nutzer das verhindern kann. Insofern agieren Firmen wie nugg.ad oder Techniken wie die Social Plug-Ins in einem Graubereich. Und dieser Graubereich wird offensichtlich schon bald geregelt. Opt-In wird kommen und ist auch für keine seriöse Firma (ich zähle nugg.ad dazu, da ich mich schon mal ausführlich mit Christian Pfeiffer zu diesem Thema unterhalten konnte) ein Problem. Im Gegenteil. Dann haben nämlich die seriösen Firmen plötzlich ein Interesse daran, dass den schwarzen Schafen der Branche die Arbeit erschwert wird. Ich kann sogar verstehen, dass Noller in Brüssel Lobbyarbeit gegen Opt-In macht. Aber wird leider nicht helfen.

    Zu dem Thema kann ich nur auf Do-Not-Track und die Alternativen verweisen. Allesamt optional, blödsinnig, intransparent für den User und vor allem ohne jegliche Auswirkung. Möchte bei der Gelegenheit auch gerne nochmal auf P3P verweisen. Das dürfte jetzt so etwa 10 Jahre alt sein, war ein sehr guter Ansatz und wurde nur von MS vernünftig unterstützt. Die Anbieter selbst haben sich wo es immer ging daran vorbei geschmuggelt.

    Du hast natürlich als Vorstand jetzt das umgekehrte Problem, was der Verein mit seinen Mitgliedern hat. Du wirst immer explizit darauf hinweisen müssen, wenn Du mal als Privatperson was sagen willst. 😉

    qrios

    9 Dec 11 at 10:40 pm

  5. alles, was ich auf meinem blog schreibe, tue ich als privatperson. das habe ich schon immer so gemacht und werde ich auch weiterhin so tun. aber auch auf d-64.org werden wir kontroverse themen diskutieren, sonst wäre es ja langweilig.

    Nico

    9 Dec 11 at 10:47 pm

  6. die uhrzeit hier ist falsch eingestellt. 🙂 es ist 23:48.

    Nico

    9 Dec 11 at 10:48 pm

  7. Oh, danke. Das kommt davon wenn man mit der Timezone rumspielt.

    qrios

    9 Dec 11 at 10:50 pm

  8. Bis alle wieder weinen. Mir ist wirklich vollkommen schleierhaft, wie jemand mit seinen Daten so fahrlässig umgehen kann. Woher will ich denn heute wissen, was mir in 10 Jahren lieb ist, was die Welt über mich weiß? Sowohl im privaten als auch beruflichen und gesellschaftlichen Kontext kann ich erwarten, dass mir das was ich heute sage, mir dann nicht mehr gefällt oder ich komplett anderer Meinung bin. Man muss schon ein einfaach gestrickter Geist sein, um das nicht zu sehen.

    macro

    22 Dec 11 at 5:24 pm

  9. @macro: Ich vermute, dass es einen wirtschaftlichen Graben gibt zwischen den “normalen” Leuten und den “Digital Natives”. Letztere arbeiten im Netz und benutzen dieses als Medium die eigene Bekanntheit zu vergrößern. Viele (nicht alle) sehen keine Trennung zwischen dem privaten und öffentlichen Sein. Für die breite Masse gibt es diese Trennung jedoch. Allerdings nur in der Form: “Wer interessiert sich denn schon für mich?”. D.h. wenn sie ihre Daten freigeben dann glauben sie, dass diese Daten nur von ihren Freunden und Bekannten gesehen werden weil sie nur für diese bestimmt und interessant sind.

    Das Bewusstsein, die eigene Einstellung werde sich im Laufe des Lebens ändern ist nach meiner persönlichen Erfahrung übrigens nicht weit verbreitet.

    qrios

    23 Dec 11 at 10:19 am

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