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iOS 6 Maps: Kollateralschäden im Kampf zwischen Apple und Google

12 Kommentare

In einem großen Einkaufszentrum in UK findet sich weit und breit nur ein Shop.

 

Mit dem weltweiten Rollout von iOS 6 für die meisten iPhones, iPods und iPads am 19.9. hat sich Apple wahrscheinlich den größten Fehler in der Unternehmensgeschichte bisher geleistet. Die Firma hat sich zum Gespött der Apple-Anhänger gemacht.

iOS 6 Maps: nicht mehr als eine Fun-App

Stein des Anstoßes ist die neue Map-App. Statt der bisher verwendeten Google-Maps-Daten verwendet Apple nun die Karten und Bilder von TomTom und die Point-Of-Interests (POIs) von Yelp. Für die Suche verwendet Apple offensichtlich eine eigene Engine. Dies gilt möglicherweise auch für das Routing und den Tile-Map-Server, welcher dafür zuständig ist, Karten, Bilder und PIOs zum User zu bekommen.

Und alle diese Daten und Backends erreichen nicht annähernd die Qualität von Google Maps. Die Differenzen sind so groß, dass es nach wenigen Stunden schon diverse Twitter-Accounts und Blogs gab, die sich mit den Fehlern beschäftigen. Prominentestes Beispiel ist der tumblr-Blog “The Amazing iOS 6 Maps“. Hier werden verschiedenste Beispiele für teilweise haarsträubende Fehler protokolliert.

Apple hatte sich nach früherer Eintracht von Google abgewendet, weil es Android als zu große Gefahr für seine Produkte ansieht. Allerdings hat es dann noch mal drei Jahre gedauert bis Apple sich traute, mit einer eigenen Map-Applikation auf den Markt zu kommen. Offensichtlich hätte man jedoch noch einige Jahre ins Land gehen lassen sollen. Der erste Wurf ist offensichtlich eine Katastrophe.

Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen. Hinweis für iOS6-Benutzer in der Londoner U-Bahn.

Vor 8 Jahren kaufte Google die Firma Keyhole. Diese war unter anderem ein Spin Off der CIA und Nvidia. Dieser Kauf war an sich schon ein politischer Akt im Spiel um die Märkte der Zukunft. Microsoft hatte kurz zuvor erste Vista-Anmutungen (alias Longhorn) gezeigt. Eines der Beispiele war eine Aero-Applikation für Makler auf der Basis von Keyhole.

Keyhole hatte zu diesem Zeitpunkt drei Jahre Erfahrungen mit Satellitenbildern und Routing. Auf der Basis dieses Know Hows hat Google inzwischen einen schier uneinholbaren Vorsprung im Segment der Map-Anwendungen. Gespeist wird dieser Vorsprung aus mehreren Quellen, die sich gegenseitig befruchten: Map-Daten (Karten, Sat-Images, POIs, …), Suchmaschinendaten (WebSite-Daten), Suchalgorithmen und Nutzerverhalten (Suchen, Live-Traffic, …).

Apple hat in jedem dieser Bereiche weder die gleiche Qualität der Daten und Algorithmen noch die entsprechenden Erfahrungen. Tatsächlich haben sie nun nicht mal mehr die Daten der Android-User. D.h. Google hat nicht nur eine bessere Startposition sondern auch eine wesentlich bessere Sprungposition.

Apple sucht noch immer Map-Developer. Vielleicht lassen sich ja bei Google welche abwerben.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr unwahrscheinlich, dass Apple zusammen mit TomTom in den nächsten Jahren auch nur in die Nähe der Qualität der Google Maps kommt. Vielleicht können Themen wie Performance noch gelöst werden. Die Erfahrung Apples mit großen Serversystemen lässt daran jedoch ernsthaft zweifeln. Die Qualität der POIs oder der Satelliten-Images wird sich nur sehr langsam verbessern lassen. Es würde nicht mal helfen, wenn die ganze Welt als “Fly Over” (interaktive 3D-Ansicht) abgebildet werden könnte, denn diese Funktion ist nicht mehr als ein nice-to-have. Im Alltag ist die korrekte Route, die nächste Tankstelle und die Stauvorhersage unverzichtbar.

Auf diese Funktionen müssen iOS-6-Nutzer jetzt verzichten. Unklar ist, ob Google eine separate Map-App für iOS rausbringen wird. Noch unklarer ist, ob Apple diese ohne weiteres in den Store lassen würde. Es wäre ein Schuldeingeständnis erster Klasse und für solche ist Apple nicht grade bekannt.

Bei Google ist der zweite Vorschlag bei der Suche nach “ios6 do” bereits “ios6 downgrade”. Bisher geht dies nur bei älteren Geräten und auch dann nur mit einem Jailbreak. Man darf also gespannt sein, wie groß der Druck der Nutzer auf Apple noch wird und wie die Firma darauf reagiert.

 


Written by qrios

September 21st, 2012 at 12:32 pm

Posted in gadgets

12 Responses to 'iOS 6 Maps: Kollateralschäden im Kampf zwischen Apple und Google'

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  1. Bin jetzt auf Google Maps im Browser umgestiegen. Das ist zwar nicht ganz so fluffig aber es funktioniert trotzdem wesentlich besser als die Apple-Maps. Ich könnte mich wirklich in den Allerwertesten beißen, dass ich das Update gemacht habe und nicht wie sonst erstmal auf das erste Update gewartet habe. Hoffe inständig, dass der Shitstorm Apple zur vernunft bringt und Google die App rausbringen kann.

    lizz

    21 Sep 12 at 1:12 pm

  2. Laut Standard: http://derstandard.at/1347493211134/Google-Maps-bald-fuer-iOS-Apple-verspricht-Besserung soll Apple bereits kleinlaut zugestanden haben, dass die Google App noch vor Weihnachten kommt.

    Thomas Lange

    21 Sep 12 at 1:34 pm

  3. Laut derStandard und AllThingsD wird Google wohl eine App rausbringen und Apple wird die wohl auch durchlassen. Dabei treten aber mehrere Probleme auf. Erstens verwenden tausende Apps das Map-Framework. Das kann aber nur durch ein Update ersetzt werden. Es kann UND sollte aber nicht silent ersetzt werden. Dann hätten nämlich alle Programme, die Maps einbetten ein Problem mit mindestens der Doku, wenn nicht auch mit der Kompatibilität der Maps-Engines. Sollte die GMaps kommen ohne Systemupdate würden die Nutzer dann nur noch in den anderen Apps mit der Apple-Karte zu tun haben.

    So oder so hat sich Apple ins Knie geschossen. Und man fragt sich, ob es das wirklich wert war, jemals.

    MartinUS

    21 Sep 12 at 2:20 pm

  4. @Thomas: Danke für den Artikel, hatte ich noch nicht gesehen.

    @MartinUS: Bzgl. Framework bin ich recht optimistisch. Das Problem mit der Dokumentation haben die Entwickler schon jetzt. Die App an der ich mitgearbeitet habe (McDonald’s) funktioniert mit beiden Map-Frameworks ohne Probleme. Die Schnittstellen sind gleich geblieben. Lediglich die Darstellung ist eine andere (und die Datenqualität natürlich). Sie könnten also sofort wieder umswitchen. Und ehrlich gesagt würde mich das auch nicht wirklich wundern. Der Ärger scheint erst richtig loszugehen. Und wenn das Thema auf facebook die Runde macht, werden wahrscheinlich auch die Verkäufe vom iPhone 5 stagnieren. Wer will sich schon von einem Samsung-User süffisant fragen lassen “How is your new Map App?”

    qrios

    21 Sep 12 at 2:28 pm

  5. Apple könnte doch mir nichts dir nichts Nokia kaufen. Die sind grade günstig und haben in Berlin, Frankfurt und Boston hunderte Map-Entwickler sitzen. Die haben tausende Patente, die Karten von Navtec (die auch Google lizensiert hat), Produktionskapazitäten, einen großen Markt in Indien und Afrika und kosten grade nur 10 Milliarden. Ausserdem dürfte Apple Microsoft damit ans Bein pinkeln ;p

    nn

    21 Sep 12 at 2:33 pm

  6. @qrios: “Im Alltag ist … der Stau unverzichtbar. Auf diese Funktionen müssen iOS-6-Nutzer jetzt verzichten.” Ich würde doch gerne auf den Stau verzichten 😉

    Roland P.

    21 Sep 12 at 3:01 pm

  7. Die alte Karten-Anwendung hatte doch niemals eine Turn-by-turn-Navigation, oder täusche ich mich. Und auch Streetview gabs doch für Apple-Geräte nur im Browser. Also worüber jammern die Leute jetzt eigentlich genau? Die Qualität der Daten? Die lässt sich doch mit dem Einkauf einiger Datenbanken aufbessern. (Nicht dass ich Apple jetzt verteidigen will, aber das klingt mir alles nach einem Sturm im Wasserglas!)

    Android-Fanboy

    21 Sep 12 at 3:07 pm

  8. @Roland: Danke, geändert.

    qrios

    21 Sep 12 at 3:08 pm

  9. @Android-Fanboy: Ja, die alte Maps hatte kein Turn-By-Turn. Das hat aber viele Leute (unter anderem mich) nicht daran gehindert sich damit eine Route zu suchen. Meistens als Beifahrer, oft als Fußgänger und Radfahrer – vielleicht zukünftig auch für die öffentlichen Verkehrsmittel. Turn-By-Turn habe ich extrem selten vermisst. Die Qualität der Daten (Karten, Sat-Images und POIs) war jedoch einzigartig. Insbesondere in der Pampa, wo man mit OpenStreetMap meistens extrem wenig anfangen kann und wo einem Luftbilder oft weiterhelfen. Und die Maps-App hatte auch seit einiger Zeit StreetView drin. Das ist wesentlich hilfreicher als ein 3D-Modell.

    qrios

    21 Sep 12 at 3:16 pm

  10. Maps.google.com. Auf homescreen tun, fertig ist die Laube. So schwer?

    Frank

    22 Sep 12 at 8:28 pm

  11. @Frank: Ja, siehe Comment von @lizz. Es ist aber ein großer Unterschied. Die App kann (besser) cachen, ist schneller und ist integriert ins System.

    qrios

    24 Sep 12 at 5:13 pm

  12. Der Koch hat sich grade bei den Apple-Kunden entschuldigt. http://www.bgr.com/2012/09/28/apple-maps-apology-tim-cook/ Klingt sehr geknickt aber zu den Gründen für den Bruch mit Google sagt er nichts. Er impliziert allerdings, dass Google kein Turn-by-Turn oder Voice wollte.

    Roland P.

    28 Sep 12 at 3:41 pm

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