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Ein neuer Spin der Targeter in der Privacy-Diskussion

7 Kommentare

tl;dr In einem FAZ-Artikel fordert der nugg.ad-Gründer das Recht auf Pseudonymität und Offenlegung der Targeting-Algorithmen. Beide Forderungen sollen möglicherweise nur Verwirrung stiften, statt konstruktiv zu wirken.

Symbolbild: Anonym oder Pseudonym?

Stephan Noller (twitter:@StephanNoller) ist Gründer der Firma nugg.ad die vor einiger Zeit von der Deutschen Post gekauft wurde. Und er engagiert sich, die Interessen der Firma und der ganzen Branche in Berlin und Brüssel bekannt zu machen. Das gelingt ihm ausgezeichnet zum Beispiel mit einem selbst veranstalteten Kongress in Berlin, den Data Days 2012 über den alle großen Medien bis hin zu heise berichteten. Aber auch mit Artikeln zum Beispiel in der FAZ. Heute erschien dort im Feuileton folgendes ‘Plädoyer für eine Algorithmen-Ethik’

Relevanz ist alles

Der Artikel ist es wert, genauer betrachtet zu werden, denn er zeigt eine neue Argumentationslinie in der immer undurchsichtiger werdenden Diskussion um die Privatsphäre der Nutzer.

Nugg.ad betreibt sehr erfolgreich Targeting und Retargeting. D.h. sie erstellen Profile von Onlinenutzern und geben auf der Basis dieser Profile Empfehlungen für die diesem Nutzer anzuzeigende Werbung. Wenn man auf einem größeren deutschen Onlineangebot surft, ist es recht wahrscheinlich, dass man eine gezielte Werbung über nugg.ad zu sehen bekommt.

Die Firma hat sich schon sehr früh offen mit dem Datenschutz der User auseinandergesetzt. Auf dieser Seite bietet sie beispielsweise ein Opt-Out für Nutzer an und man kann sich ansehen, welche Themen wie stark mit dem eigenen Profil verknüpft sind. (Wer die Seite mit Safari aufruft wird wg. des Umgangs des Browsers mit Third-Party-Cookies dort nichts vorfinden.) Nach meinen Kenntnissen ist die Datenschutzfahne auch nicht nur ein Feigenblatt sondern wird bis hinunter in die Coding-Katakomben ernst genommen. Nugg.ad ist also ein eher helleres Wesen in einem wirtschaftlichen und rechtlichen Dunkelgraubereich.

Wie immer, wenn es in Massenmedien um Algorithmen geht werden auch hier wieder Algorithmen mit unheilschwangeren Untertönen behandelt. Obwohl der Autor von Software lebt reiht er sich hier ein in die Reihe der Voodoo-Gemeinde, die Algorithmen schon fast eine eigene Persönlichkeit zusprechen. Miriam Meckel lässt grüßen.

Darüber hinaus kommt an mehreren Stellen im Artikel eine sehr regulierungsfeindliche Einstellung zum Vorschein. So wird die Arbeit des Kartellamtes als Eingriff in die Mechanik des Marktes bezeichnet, der “schwer zu vertreten” sei. An dieser Stelle reiht sich Noller in die Reihe der Porstprivacy-Vertreter ein, die gerne auch mal neoliberal argumentieren.

Nollers Forderungen

Der schwer zu lesende Artikel fordert nach einem Exkurs über Regulierung in der Medienbranche eine Algorithmen-Ethik. Diese würde unter anderem Transparenz der verwendeten Algorithmen bedeuten. Der Autor argumentiert, dass die Nutzer von Medien darüber informiert werden müssten, wie die Auswahl der Inhalte und Aufbereitung zustande kommt. Denn wie kann ich eine Meldung einschätzen, wenn ich deren Kontext nicht kenne. (Wie es übrigens für die Leser des Artikels nicht sichtbar ist, dass Noller selbst mit Targeting sein Geld verdient.)

Die Forderung nach Offenlegung der Algorithmen beschreibt Noller selbst als “wahrhaft schwer in den Griff zu bekommen”. Vor dem Hintergrund immer wilder um sich schiessenden Patenttrollen ist die Forderung nach dem Öffnen der Firmenschatzkammer vollkommen absurd. Das weiss Noller auch, was ihn aber nicht davon abhält diese Forderung aufzustellen.

Pseudonymität als Pseudonym für Anonymität

Ebenfalls aus der Algorithmen-Ethik ergäbe sich ein Recht auf Pseudonymität. Der Nutzer müsse die Möglichkeit haben, die Algorithmen abzuschalten. Es fällt sofort auf, dass er hier bewusst nicht von Anonymität spricht. Warum nicht? Was ist der Unterschied?

Im Gegensatz zur Anonymität ist ein Nutzer mit einem Pseudonym identifizierbar. Und tatsächlich ist es Targeting-Firmen weitestgehend egal ob qrios “qrios” ist oder ‘#95f2a’. Für beide Identitätsbezeichner haben sie die Surfhistorie und ein schönes Profil. Mit der Forderung nach dem Recht auf Pseudonymität bringt der Autor einen interessanten Spin in die Abwehr der zukünftig geplanten Datenschutzgesetze. Pseudonymität müsste doch eigentlich den Privacy-Apologeten genügen. Seit an Seit mit den Targetern würden sie dann gegen die Forderung nach identifizierbaren Bürgern beispielsweise von Innenministern kämpfen.

Interessanterweise gibt es das Recht auf Pseudonymität im Netz schon immer. Faktisch gibt es sogar ein Recht auf Anonymität. D.h. der Autor fordert ein Recht, das es längst schon viel weitergehend gibt. Zusammen mit der Forderung nach Offenlegung der Algorithmen wird deutlich, dass wir es hier mit einer simplen Verwirrungsstrategie zu tun haben. Die politischen Entscheider, die die diesen Artikel im Vorfeld von Gesetzesbeschlüssen lesen werden, sollen ganz offensichtlich verunsichert werden.

PS: Mir schlägt sein Szenario von einer algorithmisch generierten Medienwelt tatsächlich auf den Magen. Und ich glaube auch nicht, dass das so kommen wird. Noller selbst beschreibt ja mit den twitter-Lesern in der U-Bahn den kompletten Gegenentwurf. Die eigene Bubble als Kuratoren meines Medienkonsums.

 


Written by qrios

October 24th, 2012 at 5:16 pm

Posted in netzpolitik

7 Responses to 'Ein neuer Spin der Targeter in der Privacy-Diskussion'

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  1. Nur in aller Kürze (da on the road):
    – habe nicht gesagt Offenlegung von Algos sei ein schwieriges Unterfangen sondern die Kontrolle des Outputs (also z.B. 1Mio untersch. Versionen der Yahoo Homepage pro Tag)
    – Patente, interessanter Punkt. So sehr ich Softwarepatente ebenfalls ablehne – wenn Patente eines sehr zuverläsdig können ist es Transparenz herstellen (weil alles veröffentlicht werden muss). Man könnte soweit gehen zu sagen, dass eine Pflicht zur Patentierung aller Algos die Transparenz herstellen würde
    – Pseudonym vs Anonym: keine Frage, anonym ist stärker, aber es gibt auch keinen Zweifel (unter Datenschützern), dass Pseudonymisierung Datenschutz-Tool sein kann. Für uns ist pseudonym besser, gar kein Geheimnis.
    Was ich in dem Artikel diesbzgl gefordert habe war sozusagen ein Gebot zur Datensparsamkeit wenn es um Identifizierbarkeit geht. Anonymisierung ist da auch ein wichtiges tool.

    Und finally – bin tatsächlich – surprise – ein Fan von Industrielösungen und Selbstregulierung. Aber in dem Artikel lese ich das eher nicht…
    Habe Kartelleingriffe ja eher als positive Vorlage für eine Art von Regulierung von Algorithmen verwendet…

    Stephan Noller

    24 Oct 12 at 6:37 pm

  2. @StephanNoller: (unabhängig von den anderen Punkten)

    Würde denn Targeting auch mit anonymen Daten funktionieren?

    Und/Oder ist es nicht ein Wettrennen der bad guys bis sich die Politik endlich mal zu einem vernünftigen Gesetzesrahmen durchringt?

    qrios

    25 Oct 12 at 12:50 am

  3. Nur mit anonymen Daten funktioniert Targeting nicht mehr, weil es ja keine Möglichkeit gibt einen User wiederzuerkennen – noch nicht mal zwischen zwei Klicks. Weil das Internet mit diesem statuslosen Protokoll arbeitet wurden ja genau cookies vor 15 Jahren als pseudonymer Mechanismus erfunden.

    Und zu dem race: schwierig zu sagen, ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass Selbstbeschränkung im Sinne des Datenschutzes auch ein echter Wettbewerbsvorteil sein kann mit dem man Pitches gewinnt…

    Stephan Noller

    25 Oct 12 at 2:31 pm

  4. Stephan Noller

    25 Oct 12 at 3:13 pm

  5. @Stefan Noller: Auch meine Erfahrung bestätigt, dass Datenschutz ein gutes Vertriebsargument ist. Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass es sowohl bei den Vertrieblern als auch bei den Kunden (oder den für die eingesetzten Systeme Verantwortlichen) kaum Kenntnis oder Bereitschaft diesbezüglich gibt. Und das Beispiel mit den Popups zeigt die Situation sehr schön: sowohl Content-Lieferanten als auch Content-Nutzer hassen solche Art des Marketings. Die Mediaplaner und der Mediachef auf Kundenseite wollen aber “gute” Zahlen. Auf der Strecke bleibt der gute Ruf der Medien.

    Letztlich wird ein Opt-In kommen müssen. Auf der einen Seite sind Techniken, wie DNT, Third-Party-Cookie- und Ad-Blocker und auf der anderen Seite immer mehr verärgerte Nutzer und Politiker, die gewählt werden wollen. Und letztlich wird ein Opt-In bei dem ich sehr genau bestimmen kann, was mich interessiert und was nicht auch besser funktionieren. Auch, wenn damit schonmal Startups wie Yoolia gescheitert sind.

    qrios

    26 Oct 12 at 12:51 am

  6. Die Politker lassen doch die ganzen Datensammler nur ungestört ihr Geschäfft mit unseren Daten zu betreiben weil sie selber an die Daten wollen. VDS und Indect bekommen sie nicht durch, daher werden die Firmen einfach irgendwann verdonnert eine Hintertür einzubauen.

    Kim Is Ill

    26 Oct 12 at 3:23 pm

  7. Zumindest der Spin mit der Offenlegung der Algorithmen ist schon ein wenig älter und wurde bei der netz:regeln 2012 in der Heinrich-Böll-Stiftung bereits diskutiert. Hier ist die Playlist: http://www.youtube.com/playlist?list=PLQoUnPhwq7cwJf2a1QSUnm6794Gwkq4T8 und hier die Seite zu der Konferenz: http://www.boell.de/calendar/VA-viewevt-de.aspx?evtid=11634

    qrios

    31 Oct 12 at 3:24 pm

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